Rundbrief September 2011


1. Ravi Shankar Doku "Raga" auf DVD
- Rezension von Yogendra -


Ende der 1960er Jahre war der Sitarmeister und kreative Genius Ravi Shankar auf dem Höhepunkt seines Ruhms angelangt. Die Zusammenarbeit mit George Harrison von den Beatles und sein Auftritt beim legendären Woodstock-Festival hatten ihn zu einem weltbekannten Popstar gemacht. Dabei sah sich Ravi Shankar selbst als ernsthaften klassischen Musiker, der mit der Flower-Power-Philosophie und den Drogentripps der damaligen Hippie-Generation gar nichts anfangen konnte. Um in der Öffentlichkeit seine tiefe Verwurzelung in traditioneller indischer Spiritualität und in der klassischen Raga-Tradition deutlicher und diese zugleich bekannter zu machen, brachte er 1968 unter dem Titel My Music, My Life  seine erste Autobiografie heraus. 1971 folgte die ebenfalls stark autobiografische Film-Dokumentation "Raga - A Film Journey into the Soulf of India". Dieses einzigartige Zeitdokument ist jetzt bei India Instruments als DVD erhältlich.

"Raga" wurde 1967 und 1968 in den USA und Indien gedreht, konnte allerdings wegen finanzieller und technischer Problem erst 1971 veröffentlicht werden. Regie führte Howard Worth, Produzent war Ravi Shankar selbst. Den experimentelleren Teil der Filmmusik steuerte sein damaliger Schüler Collin Walcott bei, der später u.a. mit der Band Oregon in Jazz- und Weltmusikkreisen selbst weltbekannt wurde. In zahlreichen Konzertsequenzen ist Ravi Shankar mit seinem damaligen Begleiter Alla Rakha an der Tabla zu sehen.

In der ersten Hälfte des Films geht es vor allem um Ravi Shankars tiefe Verwurzelung in der indischen Kultur - hier passt der Untertitel von der filmischen Reise in die Seele Indiens. Gezeigt werden stimmungsvolle Bilder von indischem Straßenleben, Geburt und Tod in Varanasi, dem Tanztheater Kathakali aus Kerala, einer Reise zu seinem Musik-Guru Allauddin Khan im zentralindischen Maihar, einem Besuch bei seinem spirituellen Guru Tat Maharaj, die Initiationszeremonie seines Schülers Shalil Shankar und seine Arbeit mit diversen indischen Meisterschülern. Hier inszeniert sich Ravi Shankar als orthodoxer Traditionalist, der verflossenen alten Zeiten nachtrauert und sich sorgt um eine ihren eigenen Wurzeln entfremdete junge Generation.

Beginnend mit einer Probe für eine Orchesterkomposition mit klassisch-indischerm Instrumentarium geht es in der zweiten Hälfte mehr um Ravi Shankars innovative künstlerische Leistungen und um sein Wirken im Westen. Zu sehen sind seine Zusammenarbeit mit dem klassisch-westlichen Geigenvirtuosen Yehudi  Menuhin, Unterrichtsstunden mit Beatle George Harrison und verschiedenen Gruppen westlicher Schüler, die Initiationszeremonie von Collin Walcott, die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität von Kalifornien und eine private Gartenparty. Dieser Teil des Films mündet in eine Collage, die die Verwerfungen der Zeit reflektiert und denen Ravi Shankar damals verständnislos bis ablehnend gegenüberstand - indische Musik gemixt mit Rock, Hippies und Drogen.

Aus heutiger Sicht, mit 40 Jahren Abstand, erscheint "Raga" als in doppelter Hinsicht packendes Zeitdokument. Einerseits gibt der Film Einblicke in eine traditionelle indische Kultur, die schon im damals sich modernisierenden Indien (und erst recht im heutigen Indien im Zeitalter einer gnadenlos rasenden Globalisierung) zu verschwinden droht. Andererseits zeigt er die Faszination, aber auch die Befremdlichkeiten und Missverständnisse, die Indien in einer Zeit des Aufbrechens verkrusteter Strukturen in den späten 1960er Jahren für die junge Generation im Westen hatte. Der Film ist aber auch ein schönes Dokument von Ravi Shankars eigener Ambivalenz. Er präsentiert sich zwar als selbstlosen, tief in uralten Traditionen verwurzelten und hoch spirituellen Musiker, der sich altersweise um die Zukunft seines kulturellen Erbes sorgt, lässt aber auch erkennen, wie sehr ihn schon in seiner Jugend mit der Tanzgruppe seines Bruders  Uday in Paris der westliche Lebensstil anzog. Sein beeindruckendes Lebenswerk als Brückenbauer, der wohl mehr als jeder andere für die Anerkennung indischer Musik weltweit bewirkt hat, lässt sich wahrscheinlich nur aus dieser Ambivalenz heraus verstehen. In der Biografie Ravi Shankars spiegelt sich aber auch die grundlegende Situation klassischer indischer Musik im Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Spiritualität und Showbusiness.

DVD "Raga", Laufzeit ca. 96 Min., englisch ohne Untertitel, 24,90 Euro zzgl. Versandkosten.
"My Music, My Life", 180 Seiten, davon 55 Seiten mit Übungs- und Sargamnotationen, 21,90 Euro zzgl. Versandkosten.
Weitere DVDs zu indischer Musik finden Sie auf unserer Homepage.




2. Rabindranath Tagore-Preis für Günther Paust
- Szene-Info -


Im Rahmen der Jahrestagung der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Dresden erhielt am 24.9. der Musikmanager Günther Paust den Rabindranath Tagore-Kulturpreis. Günther Paust wurde damit für seine unermüdliche Arbeit als Veranstalter und Tourneeorganisator für Musik und Tanz aus Indien geehrt. Auf insgesamt 52 Konzerttourneen realisierte er in den letzten drei Jahrzehnten insgesamt rund 1.850 Veranstaltungen europaweit und in Indien.

Es war der Sitarspieler Ravi Shankar, der mit seinem Auftritt auf dem Woodstock Festival 1969 Günther Pausts Begeisterung für indische Musik weckte. Seine eigenen Ambitionen als Sitarist endeten zwar auf seiner ersten Indienreise 1975 in Ernüchterung, brachten ihn aber in Varanasi in Kontakt mit verschiedenen Musikerfamilien. 1981 organisierte er mit einigen dieser Künstler eine erste Europa-Tournee. Ein Schlüssel zum Erfolg lag in den folgenden Jahren sicher darin, dass Günther Paust jeweils nicht nur, wie traditionell Üblich, einen einzelnen Melodiesolisten mit Tablabegleiter nach Europa holte, sondern immer ein ganzes Ensemble mit mehreren Instrumentalisten präsentierte. Dadurch gelang es ihm, sowohl den einzelnen Konzertabend als auch das jeweilige Tourneeprogramm immer wieder abwechslungsreich zu gestalten und so für Publikum und Veranstalter hierzulande langfristig attraktiv zu machen.

Unter dem Namen "Music Ensemble of Benares" stellte Günther Paust aber nicht nur immer wieder neu zusammengesetzte Musikergruppen vor, sondern produzierte auch Schallplatten und arbeitete mit diversen Rundfunksendern zusammen. Dabei verließ er mitunter auch den Rahmen der indischen Klassik und organisierte Crossover-Projekte seines Ensembles mit Jazzstars wie Paul Horn, David Friesen und John Handy. Besonders engagierte er sich seit 1994 für das Kathak-Flamenco-Projekt, in dem mit spanischen und indischen Musikern und Tänzerinnen die gemeinsamen Wurzeln des nordindischen Kathak-Tanzes und des andalusischen Flamenco erkundet werden.

Presseerklärung zur Preisverleihung: www.dig-ev.de
Website des Music Ensemble of Benares




3. Weiterbildung: Kathak, Ali Akbar College & Online-Kurs
- Weiterbildungsinfo -


In Berlin findet vom 28.10. - 13.11. der jährliche Intensivworkshop der Academy of Kathak Dance unter Leitung von Ioanna Srinivasan statt. Im Rahmen des Workshops werden sechs verschiedene Einzelkurse angeboten, die entweder separat oder auch in Kombination belegt werden können. Die Angebote sind in verschiedene Schwierigkeitsstufen aufgeteilt - von Anfänger ohne Vorkenntnisse bis Kathak-Profi. Ziel der Workshops ist, jeweils eine Choreografie im klassischen nordindischen Kathak-Tanz zu erarbeiten. Vermittelt werden Tanztechnik, Abhinaya, Padhant, Choreographie, Tabla-Spiel, indischer Gesang sowie theoretische Grundlagen. Eine große und in Europa vielleicht einzigartige Besonderheit ist die Live-Begleitung des Unterrichts durch Tabla und Gesang. Weitere Infos unter +49-30-6861327, per eMail an academy@kathakdance.de oder im Netz auf www.kathakdance.de .

Vom 18. - 25.11. findet in Basel das 26. Jährliche Seminar für Indische Musik des Ali Akbar College of Music statt. Neben den traditionellen Instrumental-, Gesangs- und Tablaseminaren unter Leitung von Ken Zuckerman (Instrumental, Tala), Swapan Chaudhuri (Tabla), Daniel Bradley (Sitar) und Henry Nagelberg (Tabla), die über den gesamten Zeitraum laufen, finden in diesem Jahr auch zwei kürzere Sonderseminare statt. Vom 18. - 20.11. gibt es ein Intensivseminar Gesang mit Indrani Mukherjee. Und ebenfalls vom 18. - 20.11. bietet ein Schnupperkurs Anfängern die Möglichkeit, sich mit den Grundlagen klassischer nordindischer Musik vertraut zu machen. Abgerundet wird das 26. Seminar durch Konzerte mit Indrani Mukherjee am 19.11. und mit Ken Zuckerman und Swapan Chaudhuri am 25.11.. Das Ali Akbar College of Music ist eine der bedeutendsten und traditionsreichsten Ausbildungsstätten für indische Musik in Europa, und das jährliche Seminar ist seit Jahrzehnten ein inspirierender Treffpunkt für Musiker aus aller Welt, vom Anfänger bis zum Profi. Weitere Infos unter +41-61-2728032, per eMail an info@aliakbarcollege.org oder im Netz auf www.aliakbarcollege.org.

Der völlig erneuerte Online-Kurs "The Music of South India" beginnt wieder im Oktober mit viel Auswahl, persönlicher Begleitung und Aktualisierungen. Er ist also ganz auf die Interessen der TeilnehmerInnen zugeschnitten. Mit Hilfe dieses  eLearning Kurses können auch musikalische Laien über praktische Übungen in die karnatische Musiktradition Südindiens eintauchen und sie hinterfragen, um sie besser schätzen, anwenden und vermitteln zu lernen. Die Vinaspielerin Sreevidhya Chandramouli, die Sängerin Vijayalakshmy Subramaniam und der Trommler T.R. Sundaresan bieten dabei Einblicke in ihre künstlerische und pädagogische Arbeitsweise. Besondere Aufmerksamkeit wird der interdisziplinären Arbeit von Musikern, Komponisten, bildenden Künstlern und Tänzern geschenkt. Die Kurssprache ist Englisch mit voller Unterstützung auch auf Deutsch. Der Kursautor Ludwig Pesch ist Träger des Rabindranath Tagore Kulturpreises und erhielt für seine besonderen Verdienste um die Kulturbeziehungen zwischen Indien und Deutschland das Bundesverdienstkreuz. Weitere Infos auf www.carnaticstudent.org.



4. India! Magazine jetzt im Handel
- Szene-Info -


Das im April erstmals erschienene monatliche India!-Magazin startet durch: Nach erfolgreichen Aufbaumonaten exklusiv für Abonnenten ist India! jetzt ab der gerade erschienenen Oktober-Ausgabe auch für 3,50 Euro im allgemeinen Zeitschriftenhandel zu haben. Die Zeitschrift von Geschäftsführer Qamar Zaman und Chefredakteur Sherry Kizhukandayil (auch bekannt als DJ und Veranstalter von Bollywood-Partys) erscheint weiter im handlichen A5-Format und ist in ihrer peppig-professionellen Hochglanzaufmachung äußerlich nicht von gängigen Mode-, Beauty- oder Lifestylemagazinen zu unterscheiden. Der Umfang ist allerdings von anfangs schlanken 58 auf jetzt 82 Seiten angewachsen und soll in Zukunft noch mehr vergrößert werden. Mit dieser Erweiterung ist auch das Themenspektrum zusehends breiter geworden. Während es in den ersten Heften mit Star-Interviews und Berichten zu Desi-Musik, Clubszene, Bollywood-Filmen, Ausstellungen, Sport, Reisen und Events fast ausschließlich um das Showbusiness ging, wird inzwischen auch über Wirtschaft, Politik und Umwelt, über Yoga, Literatur, Tanz, Kochkunst und klassisch-indische Musik geschrieben. Erklärtes Ziel von india! ist es nach wie vor, mit typisch indischen Stereotypen zu brechen und Indien ebenso wie die indische Diaspora als vielfältige, spannende Kultur mit all ihren Facetten zu zeigen - und das gelingt von Monat zu Monat immer besser.

Für die November-Ausgabe, die Ende Oktober erscheinen soll, ist ein Titel-Feature über den legendären Sitarmeister Ravi Shankar (s.o.) und seine inzwischen fast ebenso bekannte, ebenfalls sitarspielende Tochter Anoushka vorgesehen. Anlass ist Anoushka Shankars bevorstehende Europatournee mit einigen Konzertterminen auch in Deutschland (s.u.). Ab der Dezember-Ausgabe ist auch eine Reihe mit Hintergrundartikeln zur klassisch-indischen Musik geplant. Man darf gespannt sein, wie sich diese ambitionierte und sympathische Zeitschrift weiter entwickeln wird.... Indien-Fans, die sie noch nicht kennen, sollten sich vielleicht mal in ihrer Bahnhofsbuchhandlung eine Ausgabe anschauen. Weitere Infos und die Möglichkeit zur Abo-Bestellung gibt es natürlich auch im Netz auf www.india-magazin.de

 


5. Rahim Fahimuddin Dagar - Ein Vermächtnis
- Nachruf von Amelia Cuni-


Rahim Fahimuddin Dagar, Haupt der Dagarbani (Stil des Dhrupad-Gesangs), ist am 27.7. in Neu Delhi im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Nur kurz davor hatte bereits sein enger Freund, der Rudra Vina-Meister Asad Ali Khan, führender Vertreter einer einzigartigen instrumentalen Tradition im Dhrupad, diese Welt verlassen. Mit ihrem Tod scheint ein großes Kapitel in der Geschicht der klassischen nordindischen Musik zu Ende zu gehen. Sie gehörten beide einer Zeit an, als das Leben noch einen langsameren Rhythmus hatte und die Menschen z.B. bereit waren, großen Künstlern auf sog. Musik-Konferenzen die ganze Nacht hindurch bis in die Morgenstunden zu lauschen. Beide waren Zeugen enormer gesellschaftlicher Veränderungen: Während ihre Väter noch Hofmusiker waren, mussten sie sich an das Leben freischaffender Künstler im unabhängigen Indien anpassen. Trotz dieser enormen Umwälzungen von Werten und Lebensstilen ermöglichten sie es der jüngeren Generation, eine Musik zu erfahren und zu erlernen, die einer anderen Ära angehörte. Durch ihre kompromisslose Hingabe an die Kunst bewahrten sie einen Schatz, den es jetzt in seiner alten Form in dieser Welt nicht mehr gibt.

Ich begegnete R. Fahimuddin Dagar zum ersten Mal 1982 in Kalkutta, wo er an der Rabindra Bharati Universität lehrte und kleinen Schülergruppen Privatunterricht bei sich zu Hause gab. Jeden Tag saß er mindestens zwei Stunden mit ihnen zusammen und übte wieder und wieder Alap und verschiedene Tonkombinationen. Dabei legte er besonderen Wert auf die Qualität des Akar (Gesang auf dem Vokal A), die Reinheit der Intonation und die rhythmische Genauigkeit, und das mit einer Intensität, die neu für mich war. Ich fand diese Methode sofort faszinierend und bereichend. Während der fünf Jahre, die ich dann bei ihm studierte, lernte ich die Grundlagen des Dhrupad und seiner Philosophie durch direkte Erfahrung im Guru-Shishya-Parampara, dem traditionellen Überlieferungssystem von Lehrer zu Schüler. R. Fahimuddin Dagar schien dabei keiner streng strukturierten Methode zu folgen, sondern unterrichtete mich, als ob ich in der Lage wäre, die nächsten 30 Jahre als Schülerin mit ihm zu verbringen.

Nach all den Jahren spüre ich heute, wie R. Fahimuddin Dagars Lehren und praktische Demonstrationen weiter in mir arbeiten. Wieder und wieder bemerke ich, wie mich die Prinzipien beschäftigen, die er mir mit all ihrer Eigendynamik vermittelt hat - möglicherweise, weil er nicht versucht hat, sie an moderne Zeiten und Bedürfnisse anzupassen. Seine Kompromisslosigkeit und Gewissenhaftigkeit halfen ihm zwar nicht, sich den sozialen Umwälzungen während seiner Lebensspanne zu stellen, aber seine Treue zur Tradition hat diese innewohnende Qualität von Zeitlosigkeit, diesen ursprünglichen Funken bewahrt, der Dhrupad zu einer der höchsten Ausdrucksformen klassischer indischer Kultur macht. Je länger ich übe, desto klarer entfaltet sich für mich kontinuierlich die Verbindung von Dhrupad mit dem Yoga des Klanges (Nada Yoga). Dank R. Fahimuddin Dagars Verständnis der Prinzipien des Nada Yoga und seinem unerschütterlichen Glauben an ihre Bedeutung für den Dhrupad bin ich schrittweise in der Lage, sie durch die Erinnerung an sein Beispiel zu absorbieren, selbst auf dieser späteren Stufe.

Sein unsektiererisches Verständnis von religiösem Glauben hat es mir ermöglicht, den Islam aus einer sehr privilegierten Perspektive zu erfahren: Der eines muslimischen Musikers, der seinen Gesang im gleichen Atemzug sowohl Allah als auch Shiva darbrachte und das Konzept des Nadabrahman (die Schöpfung ist Klang) durch seine Hingabe an Musik als einen spirituellen Weg ehrte. Das Bewusstsein der feinstofflichen Wirkungen des Klanges und ihrer metaphysischen Entsprechungen machten R. Fahimuddin Dagars Dhrupad-Gesang zu Kunst in ihrer edelsten Bedeutung - Nahrung für die Seele, Erhebung für den Geist, einen Weg zum höheren Selbst. In seinen Lehren wird der Gesang zu einem Mittel, sich auf den Kosmos einzustimmen, anstatt lediglich Gefühle auszudrücken oder seine Kunstfertigkeit zur Schau zu stellen. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf dem Individuum und seinen Talenten und Fähigkeiten, sondern auf dem gleichzeitig kunst- und hingebungsvollen Prozess der Manifestierung des Ragas selbst.

Ich habe R. Fahimuddin Dagars Gesang am brillantesten und wirksamsten während seines Unterrichts erlebt, wenn er nach einer musikalischen Ãœbersetzung für einen philosophischen oder poetischen Gedanken suchte. Auf einzigartige und bemerkenswerte Weise demonstrierte er manchmal die Ausdehnung menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit, indem er Töne "heraufbeschwor", ohne sie tatsächlich zu singen, so dass sie allein durch die Kraft seiner Konzentration im Geist seiner Schüler hörbar wurden - genau wie ein Zauberkünstler dank seines tiefen Verständnises der Psyche sein Publikum dazu bringen kann, Vorgänge zu sehen, die gar nicht wirklich stattfinden. Diese seine besondere Fähigkeit schreibe ich dem alten, kraftvollen Wissen zu, als dessen demütigen Bewahrer sich R. Fahimuddin Dagar gesehen hat.


(Diese Textfassung wurde aus dem Englischen übersetzt und stark gekürzt von Yogendra. Der vollständige Text findet sich auf www.ameliacuni.de)

 


6. Shamsuddin Faridi Desai - Troubadour Allahs
- Nachruf von Thomas Meisenheimer -


Am 16.8. ist mit dem Rudra Vina-Spieler Shamsuddin Faridi Desai im Alter von 75 Jahren in Delhi der letzte große Sufi-Beenkar verstorben. Baba Shamsuddin, wie ihn seine Schüler nannten, wurde 1936 in Bhavnagar (Gujarat) geboren. Er lernte Sitar und Rudra Vina von seinem Vater Mohammed Khan Faridi, der aus der jahrhundertealten Tradition der Gauharbani Gharana stammte. Ab 1957 gab Baba Shamsuddin regelmäßig Sitarkonzerte für All India Radio in Ahmedabad. 1959 wechselte er zum National Orchestra von All India Radios in Delhi, wo er bis zu seinem Ruhestand 1997 arbeitete. Als Rudra Vina-Spieler wurde er erst ab 1980 durch seine Radiokonzerte bekannt. Baba Shamsuddin spielte ohne die sonst üblichen Mizrabs (Plektren). Charakteristisch für die Gauharbani Gharana und seinen persönlichen Stil waren seine ausgesprochen langen Meends (Ziehen der Saite). Außerhalb Indiens wurde seine Musik erst mit den CD-Veröffentlichungen 2002 bei Makar Records und 2005 bei India Archive Music gewürdigt.

Baba Shamsuddin gehörte dem islamischen Qadri Sufismus an. Für ihn war Musik eine Form des Gebets. "Allah ist verborgen in der Musik", sagte er. Die äußere Form der klassischen Dhrupad-Musik ließ Baba Shamsuddin während seines Ruhestands hinter sich. Seine Tonsprache war sehr eigenwillig und nicht leicht zugänglich. Mit ihrer Impulsivität und ihrem starken Ausdruck konnte sie die Türe zur mystischen Welt des Sufismus öffnen, wenn man bereit war sich darauf einzulassen. Es ging ihm darum, sich selbst und den Zuhörer in den Zustand der Entwerdung (arabisch: fana) und der Trance (arabisch: wajd) zu führen. Besonders gern spielte er an den Sufi-Schreinen in Delhi oder zu den Gedenkfeiern des bekannten Sufimeisters Hazrat Inayat Khan.

Die Begegnung mit Baba Shamsuddin bleibt für mich unvergesslich - seine Musik hat zutiefst mein Herz berührt und mich auf unmittelbare Weise die mystische Dimension der Ruda Vina erfahren lassen. Er wird in den Herzen derer, die ihn lieben, weiterleben. Es bleibt zu hoffen, dass sein Sohn Zahid Khan Faridi seine Tradition weiterführen wird.

Interview mit Shamsuddin Faridi Desai

Hörbeispiele:
oriental-traditional-music.blogspot.com
www.youtube.com
www.rudraveena.org


Bei India Instruments ist die erwähnte India Archive-CD mit Raga Puriya von Shamsuddin Faridi Desai unter Best. Nr. IAM 1078 für 16,- Euro zzgl. Versandkosten erhältlich.

 


7. Weitere Kurznachrufe
- Szene-Info -


In Kalkutta ist am 20.7. der Sänger Jagdish Prasad nach kurzer Krankheit im Alter von 74 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung gestorben. Prasad stammte aus Madhya Pradesh, gehörte der Patiala-Gharana an und war ein Schüler von Bade Ghulam Ali Khan. Im klassischen Khyal-Stil war er ebenso versiert wie in semi-klassichen Genres wie Thumri, Dadra und Tappa. Von 1977 - 1984 unterrichtete er an der renommierten Sangeet Research Academy in Kalkutta und wechselte anschließend als Dozent an die Kairagarh Universität. Hörproben auf www.youtube.com

Nach längerer schwerer Krankheit ist der Sänger, Komponist und Musikwissenschaftler Ashok D. Ranade am 30.7. im Alter von 76 Jahren in Mumbai verstorben. In den letzten Jahrzehnten trug Ranade wesentlich dazu bei, die Musikwissenschaft in Indien durch kritische Reflexion an internationale Standards anzugleichen und auf Fachtagungen zu vertreten. Seine zahlreichen Bücher auf Marathi und Englisch beschäftigten sich u.a. mit klassischer nordindischer Musik, der Bühnen- und Volksmusik von Maharashtra, Musikästhetik, musikalischen Konzepten, Musikgeschichte, Sprache im Theater und Hindi-Filmsongs. Erst in diesem Jahr war er für sein Lebenswerk mit dem Sangeet Natak Akademi Award ausgezeichnet worden. Weitere Infos: www.sangeetnatak.org

Der Sitarist Chandrakant Sardeshmukh kam am 15.8. im Alter von 56 Jahren bei einem Verkehrsunfall in der Nähe der indischen Stadt Solapur ums Leben. Er galt als musikalisches Wunderkind, war Schüler von Ravi Shankar und Annapurna Devi und konzertierte weltweit. In den letzten Jahren galt sein besonderes Interesse den heilenden Wirkungen indischer Musik. In Europa war Chandrakanth Sardeshmukh sowohl als konzertierender Sitarist als auch als Musiktherapeut bekannt. Weitere Infos: www.darshanam.com

Am 16.8. kam der Instrumentenbauer Yusuf Mirajkar ebenfalls bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Unfall ereignete sich, als er auf dem Weg zur Trauerfeier für Chandrakanth Sardeshmukh war. Yusuf Mirajkar lebte in Pune und galt als einer der besten Instrumentenbauer für Tanpuras, Sitars und andere Saiteninstrumente. Zu seinen Kunden zählten u.a. Shahid Parvez, Rais Khan, Usman Khan, Kishori Amonkar und Bhimsen Joshi.

 


8. Neuer Turnus für Rundbriefe
- Firmen-Info -


In den letzten Jahren haben wir unseren kostenlosen Rundbrief-Service kontinuierlich ausgebaut. Der deutschsprachige Rundbrief ist zuletzt in monatlichem Turnus elf mal jährlich erschienen, mit einer Pause im Sommer, und hat neben Infos über India Instruments immer mehr und umfangreichere Texte rund um die indische Musik von verschiedenen Autoren enthalten. Parallel haben wir seit 2009 auch regelmäßig einen englischsprachigen Rundbrief erstellt. Natürlich sind diese Rundbriefe ein Werbemedium für India Instruments. Zugleich möchten wir mit den darüber hinausgehenden Beiträgen aber auch zur Lebendigkeit der indischen Musik, und dabei vor allem der klassischen Raga-Musik, beitragen.

Leider ist der Aufwand für die Erstellung der Rundbriefe inzwischen so groß geworden, dass wir sie nicht mehr in der gewohnten Form fortführen können. Wir versenden den deutschsprachigen Rundbrief deshalb ab dieser Ausgabe nur noch alle zwei Monate. Um die Aktualität zu stärken, bringen wir am Ende jetzt die nächsten Konzerttermine. Schauen Sie doch in Zukunft immer nach Terminen in Ihrer Region! Und für die Hintergrundtexte bitten wir herzlich um Beiträge, Kritik und Ideen. Nur wenn Sie sich aktiv beteiligen, können die Rundbriefe noch interessanter und lesenswerter werden! Wir freuen uns über jede Rückmeldung - bitte per eMail an yogendra@india-instruments.de!

 


9. Konzerttermine
- Szene-Info -


Mit unserem Konzertkalender möchten wir dazu beitragen, dass Live-Veranstaltungen mit Musik und Tanz aus Indien hierzulande eine größere öffentliche Wahrnehmung erfahren. Wir bringen deshalb ab sofort am Ende unserer Rundbriefe immer die aktuellen Konzerttermine für die nächsten zwei Monate. Über möglichst frühzeitige Mitteilung von Konzertterminen in Ihrer Region oder Ihrem Veranstaltungsort freuen wir uns. Detailliertere Infos gibt es im laufend aktualisierten Konzertkalender.

05.10. CH-GENF: FANFARE DU RAJASTHAN & LES MUSICIENS DU DESERT
06.10. CH-GENF: SUFIANA KALAM DU CACHEMIRE & CHAKRI DU CACHEMIRE
07.10. CH-DELEMONT: USTAD GHULAM MOHAMMAD SAZNAWAZ & ENSEMBLE
07.10. CH-GENF: BAULS DU BENGALE & LES FAKIRS DE GORBHANGA (BENGALE)
08.10. CH-GENF: ASHWINI BHIDE DESHPANDE - Vocal
08.10. MÜNCHEN: L.SUBRAMANIAM - Violine
09.10. BERLIN: L.SUBRAMANIAM - Violine
12.10. STUTTGART: SHIRSHENDU MUKHERJEE - Vocal
12.10. CH-GENF: FLUTE ET SHAHNAI DE BENARES - Rajendra Prasanna & Party
14.10. CH-NEUCHATEL: FLUTE ET SHAHNAI DE BENARES - Rajendra Prasanna & Party
14.10. KARLSRUHE: SOMABANTI Basu - Sarod
14.10. CH-GENF: LES MAITRES DE LA VINA
15.10. PADERBORN / BAD LIPPSPRINGE: SNATAM KAUR
15.10. CH-NEUCHATEL: AJIT SINGH - Vichitra-Vina
15.10. CH-GENF: DANSE KATHAK DE LUCKNOW
15.10. BADEN-BADEN: NADA BRAHM FESTIVAL Roland Schaeffer Duo
15.10. STUTTGART: Monalisa Ghosh - Odissi-Tanz
15.10. ECKERNFÖRDE: CHRISTIAN NOCAN - Sitar
16.10. STUTTGART: Monalisa Ghosh - Odissi-Tanz
19.10. POTSDAM: CHRISTIAN NOCAN - Sitar
21.10. STUTTGART: NEELA BHAGWAT - Vocal
22.10. HEILBRONN: SOMABANTI BASU -Sarod
22.10. BADEN-BADEN: NADA BRAHM FESTIVAL - Odissi und Thullal
22.10. CH-BADEN: VIJAYA RAO, SHARMILA RAO & NATESCHWARA COMPANY
23.10. BADEN-BADEN: NADA BRAHM FESTIVAL Somabanti - Sarod
23.10. CH-BERN: ASHISH SANKRITYAYAN - Dhrupad Vocal
23.10. BERLIN: BUCHPREMIERE "Kalkutta - Durga, Dichter und Dämonen"
23.10. TÜBINGEN: IOANNA SRNIVASAN - Kathak
23.10. BERLIN: CHRISTIAN NOCON - Sitar
27.10. MÜNCHEN: SHIVNATH & DEOBRAT MISHRA- Sitar
31.10. STUTTGART: RUPAK KULKARNI - Bansuri

01.11. STUTTGART: RUPAK KULKARNI - Bansuri
02.11. HECKENBECK / BAD GANDERSHEIM: YOGENDRA - Sitar
04.11. GÖTTINGEN: YOGENDRA - Sitar
04.11. CH-KREUZLINGEN: SOULFUL SUFI
05.11. KÖLN: ZAKIR HUSSAIN - Tabla
05.11. CH-LIESTAL: SOULFUL SUFI
06.11. SAARBRÜCKEN: YOGENDRA - Sitar
06.11. MÜNCHEN: ANOUSHKA SHANKAR - Sitar
07.11. HEIDELBERG: ANOUSHKA SHANKAR - Sitar
09.11. CH-LUZERN: SOULFUL SUFI
10.11. CH-WINTERTHUR: SOULFUL SUFI
11.11. CH-BERN: SOULFUL SUFI
12.11. CH-VILLARS-SUR-GLÂNE: SOULFUL SUFI
12.11. POTSDAM: SEBASTIAN DREYER - Sitar
13.11. CH-VILLARS-SUR-GLÂNE: SOULFUL SUFI
16.11. CH-THUN: SOULFUL SUFI
17.11. BADEN-BADEN: ANOUSHKA SHANKAR - Sitar
17.11. CH-ST GALLEN: SOULFUL SUFI
18.11. CH-LAUSANNE: SOULFUL SUFI
19.11. CH-BASEL: SOULFUL SUFI
19.11. CH-BASEL: INDRANI MUKHERJEE - Vocal
25.11. CH-BASEL: KEN ZUCKERMAN - Sarod

Alle Angaben ohne Gewähr.

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