Rundbrief September 2021 – Janaur 2022

Übersicht

1. Innovative Instrumente: Vegane Dholak, halbakustische Saraswati-Vina & Recon-Shrutibox
2. Coronafolgen: Logistik Chaos & Preiserhöhungen
3. Reflektor Anoushka Shankar: Festival in der Elbphilharmonie Hamburg
4. Musik-Dokus online: Raga, Strings of Melody, That Which Colors The Mind, Dhrupad
5. Kurz notiert: Laughing Buddha, Netzwerk Konnakol, Interviews
6. Wie geht eigentlich (indische) Musik? (27) – Tonalität und Symmetrie als Naturprinzipien
7. Workshops & Konzerte – Aussichten für 2022


1. Innovative Instrumente: Vegane Dholak, halbakustische Saraswati-Vina & Recon-Shrutibox
- Neu im Sortiment -


- S.R.I. Dholak Karunya – 319 €

S.R.I Dholak KarunyaDie Dholak ist eine beliebte Doppelfelltrommel zur Begleitung von Kirtans und Bhajans. Die kleinere Seite hat einen hohen metallischen Klang und die große Seite einen tiefen Bass. Traditionelle Dholaks reagieren allerdings sehr stark auf schwankende Temperatur und Luftfeuchtigkeit und müssen deswegen laufend justiert werden. Die Felle nutzen sich beim Spielen auch ab und müssen deswegen immer wieder aufwändig gewechselt werden. Und Veganer und Vegetarier kritisieren, dass Tiere zur Herstellung der Felle getötet werden. All diese Probleme löst die neue S.R.I. (Synthetic Indian Rhythm) Dholak von Karunya. Klanglich überzeugt sie mit mehr Sustain und einem kräftigeren Bass als traditionelle Dholaks aus Holz. Dank Fellen und Korpus aus Kunststoff und einer raffinierten Spannmechanik ist die S.R.I. Dholak Karunya robust, langlebig, stimmstabil und vegan. Die Synthetikfelle sind so wasserabweisend, dass man sie zum Reinigen sogar feucht abwischen kann. Die einfach zu bedienende Spannmechanik erlaubt eine sehr genaue und sehr haltbare Stimmung. Und falls mal ein Fell beschädigt wird oder nach langjährigem Spiel abgenutzt ist, lässt es sich schnell und leicht austauschen.

Weitere Infos, Bilder & Klangbeispiel.

- Sunadavinodini: halbakustische Saraswati-Vina - 789 €

Radel Saraswati Vina SunodavinodiniEine neue Interpretation alter Tradition bietet auch Radel, der Pionier elektronischer indischer Musikinstrumente aus Bangalore: Die Sunadavinodini ist eine zeitgemäße halbakustische Version der altehrwürdigen klassisch-südindischen Saraswati-Vina. Besaitung, Bünde, Griffbrett und Brücken ermöglichen kompromisslos klassische Spieltechnik, Spielgefühl und Klangfarbe. Statt des schweren Holzkorpus unten hat die Sunadavinodini aber einen abschraubbaren Kunststoffkorpus mit eingebauter Elektronik und Lautsprecher. Zudem ist unter den Saiten ein Tonabnehmer eingebaut. Dieses System vergrößert die dynamische Bandbreite enorm, verlängert das Sustain, und erlaubt so ein feiner differenziertes Spiel auch mit sehr leisen Tönen. Die Bünde sind verschiebbar und lassen sich dadurch auf die Intonation verschiedener Ragas einstellen. Gestimmt wird mit Zahnradmechaniken statt mit Holzwirbeln. Die Spielsaitenbrücke ist in vier verstellbare Segmente unterteilt, damit sich jede Saite separat bundrein einstellen lässt. Die elektronische Ausstattung umfasst auch eine Tanpuramaschine. Dank abschraubbarer Resonatoren lässt sich die Sunadavinodini zudem einfacher transportieren als traditionelle Vinas. Und vegan ist sie auch noch. Fazit: Eine rundum gelungene Innovation, die keine Wünsche offen lässt!

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- Paloma Shrutibox groß Recon - 399 €

Shrutibox Paloma groß ReconTeakholz war in Indien während der britischen Kolonialherrschaft verlässlich, preiswert und in bester Qualität aus dem benachbarten Burma zu bekommen. Aus dieser Zeit stammt wohl die verbreitete Verwendung von Teak im indischen Instrumentenbau. Heute aber ist Burma wirtschaftlich abgeschottet und Teak wird weltweit in riesigen Mengen von der Möbelindustrie verbraucht. Dadurch ist es für indische Instrumentenbauer extrem schwierig geworden, hochwertiges Teakholz zu bezahlbaren Preisen zu bekommen. Eine sinnvolle Lösung für dieses Problem bietet jetzt unser langjähriger Partner Paloma aus Mumbai mit Shrutiboxen aus Recon. Recon wird industriell durch Formpressen von Bambusfasern hergestellt und behält die Eigenschaften des natürlichen Holzes. Klang und Stabilität sind vollkommen ebenbürtig. Auch das Aussehen und das Tastgefühl sind überzeugend. So hilft die Verwendung von Recon dabei, Preise und Qualität stabil zu halten und Produktionsengpässe zu vermeiden. Und auch die Umwelt profitiert vom Verzicht auf Teakholz.

Weitere Infos, Fotos & Klangbeispiel.


2. Coronafolgen: Logistik Chaos & Preiserhöhungen
- Firmennachrichten -


DockDie Corona Pandemie führt nicht nur zu Todesfällen, schweren Erkrankungen und massiven Einschränkungen von Grundrechten – sie rüttelt auch die globale Logistik kräftig durcheinander. In den Medien wurde hierzulande vor allem über die Containerschifffahrt berichtet. Am einen Ende der Welt standen leere Container nutzlos herum, während sich am anderen Ende fertig produzierte Waren stapelten, die wegen fehlender Container nicht verschifft werden konnten. Lieferengpässe, Staus und Leerstände führten zu explosionsartig steigenden Seefrachtkosten. Und in Deutschland wurde das Schreckgespenst leerer Gabentische unterm Weihnachtsbaum an die Wand gemalt.

Eilige Lieferungen wurden auf Luftfracht verschoben, was wiederum deren Kapazitäten überlastete. Dadurch kam es auch bei Luftfracht zu manchmal wochenlangen Staus bei rasant steigenden Preisen. DHL Flieger Am Frankfurter Flughafen, dem größten Umschlagplatz für Luftfracht in Deutschland, herrschte zudem mehrere Wochen lang Chaos, weil eine Softwareumstellung beim Zoll die Freigabe der eingeflogenen Sendungen massiv verzögerte. Hunderte Tonnen Luftfrachtgüter stapelten sich, es mussten zusätzliche Hallen und andere Lagerplätze beschafft werden, und niemand gab den Empfängern Auskunft über den Verbleib der erwarteten Sendungen. Knappheit von Rohstoffen und Probleme in den Lieferketten führten in vielen Bereichen zu deutlich höheren Kosten bei Produzenten und Handel, und damit auch zu steigenden Preisen für Privatleute.

Auch India Instruments ist von all dem betroffen. Unsere Partner in Indien haben die Preise für ihre Instrumente zum Teil deutlich erhöht. Und der Transport nach Deutschland hat sich enorm verteuert. Das macht sich bei Instrumenten mit großem Volumen besonders stark bemerkbar. Wir haben uns deshalb schweren Herzens entschlossen, die Preise für die meisten Instrumente aus unserem Sortiment ab 1.1.2022 deutlich anzuheben – zum ersten mal seit 2017. Nur so können wir unsere Kosten für Einkauf und laufenden Betrieb decken und weiter mit hoher Qualität von Instrumenten, Zubehör, Beratung und Service für alle da sein, die sich für indische Instrumente ebenso begeistern wie wir. Wir bitten dafür um Verständnis.


3. Reflektor Anoushka Shankar: Festival in der Elbphilharmonie Hamburg
- Reportage von Yogendra -


Elbphilharmonie‚So schön dekoriert hab ich die Elbphilharmonie noch nie gesehen.‘ Das höre ich gleich am ersten Abend von Besucherinnen im Bar-Foyer vor dem Kleinen Saal. Na klar, typisch indisch eben, denke ich, mit Statuen und bunten Lichtern, Tüchern und Girlanden. Erst später in anderen Räumen nehme ich den Kontrast zur ansonsten völlig unfarbigen Nüchternheit der Elphi (wie man in Hamburg zur Elbphilharmonie sagt) richtig war. Und mir wird klar: Reflektor Anoushka Shankar will bewusst neue Akzente setzen. Nicht nur inhaltlich und personell, sondern auch in der Präsentation. Vier Tage lang, vom 4. - 7.11., hat Anoushka Shankar mit einem von ihr ganz persönlich kuratierten Festival die Elphi bespielt. Die ursprüngliche Planung für Herbst 2020 musste wegen der Pandemie abgesagt werden. Aber ein Jahr später ging das Festival dann mit kleinen Änderungen doch über die Bühne – gerade rechtzeitig bevor das kulturelle Leben wegen der nächsten Coronawelle wieder stark eingeschränkt wurde. Bei fünf Performances und einem Workshop konnte ich an zwei Tagen live dabei sein.

Wer beim Titel Reflektor Anoushka Shankar Sitarklänge und klassische indische Musik erwartet, liegt nur ein kleines bisschen richtig. Ganz bewusst meidet Anoushka Shankar ausgetretene Pfade und Klischees. Statt zeitlose klassische Kunst zu zeigen möchte sie indische Musik und indischen Tanz in neues Licht setzen und als schillernd vibrierende zeitgenössische Phänomene in einem globalen Kontext zeigen. Dabei greift sie vor allem auf die gut vernetzte südasiatische Diaspora in ihrer Wahlheimat London zurück. Herausgekommen ist ein Programm, das sehr jung ist und sehr weiblich – bei 9 von 13 Veranstaltungen steht eine Frau solistisch im Mittelpunkt und die meisten Künstler*innen sind nach 1980 geboren. Dabei reicht das Spektrum vom klassischen Ragakonzert über Fusion-Jazz, Filmmusik, Weltmusik, Live-Electronic, Tanz und Singer-Songwriter bis zu Musik gegen den Klimawandel und einer Pop-Up Performance im Treppenhaus. Ich bin freudig gespannt.

Anoushka Shankar

Mein Einstieg am Samstag ist der 60-Minuten Workshop ‚Südindiens Rhythmussprache Konnakol‘ mit dem deutschen Schlagzeuger und Rhythmuslehrer Magnus Dauner am Samstag. Er schlägt einen wunderbaren Bogen von einfachen Mitmachübungen mit Klatschen und Sprechen bis zur Analyse komplexer rhythmischer Abläufe von Stücken aus dem Festivalprogramm. Das alles perfekt unterfüttert mit projizierten Grafiken und präsentiert mit ansteckender Begeisterung. Wow. Warum sind da bloß so wenig Leute?

Anschließend das Tanzstück ‚She‘s Auspicious‘ von Mythili Prakash, live begleitet von drei Musikerinnen in der klassisch südindischen Besetzung Gesang, Saraswati-Vina und Mridangam. Im Stück geht es um die Diskrepanz zwischen der Verehrung weiblicher Gottheiten einerseits und der Unterdrückung und Marginalisierung von Frauen in der indischen Kultur andererseits, stumm getanzt mit dem Bewegungsvokabular des klassisch südindischen Tanzstils Bharatanatyam. Das ist schwerer Stoff, und auch ich fühle mich im Verlauf des Stücks immer schwerer. Zumal ich inhaltlich vieles nicht verstehe. Sollte das Publikum die tänzerische Gebärdensprache des Bharatanatyam perfekt beherrschen? Oder geht es nur darum, ein Gefühl dumpfer Hoffungslosigkeit zu vermitteln? Das wäre dann zwar gelungen, erschiene mir aber als künstlerische Intention etwas dürftig.

Mein Sonntag beginnt nachmittags mit Nabihah Iqbal. Etwas verloren wirkt die junge Sängerin ganz allein auf der Bühne, unterstützt nur von der E-Gitarre um den Hals, einem Harmonium neben sich (ein Leihinstrument von India Instruments) und diversen Fußpedalen für Loops und Effekte. Sie präsentiert neue eigene Songs, teils erstmals öffentlich gespielt. Da wackelt noch manches, die Technik muckt, die Loops kommen nicht immer sauber übereinander. Aber Nabihah Iqbal zeigt ihre Aufregung, macht sich als Mensch berührbar und wiegt damit vieles auf. So kann ich immer wieder gut in die schillernden Klangräume eintauchen, die sie mit ihren Gitarren- und Stimmloops Schicht für Schicht aufbaut.

Tanz

Nach kurzer Umbaupause tanzt auf der selben Bühne Aakash Odedra zu Musik aus der Konserve. Nritta heißt sein erstes Stück, ‚reiner Tanz‘ auf Sanskrit. Als Bewegungsvokabular benutzt er den klassischen nordindischen Tanzstil Kathak – voll virtuoser rhythmischer Fußarbeit, elegant fließender Gesten und wirbelnder Drehungen. Ich habe in meinem Leben schon viel Kathak gesehen und als Sitarist live begleitet - aber was Aakash Odedra hier zeigt, verschlägt mir den Atem. Dynamik, Eleganz, Kreativität und Präzision in einer Vollendung, die über alles je bei Kathak Erlebte hinausgeht in eine höhere Sphäre. Der Tänzer wird zum tanzenden Gott. Und bleibt doch ganz Mensch, wenn er zum Abschluss einer Sequenz kurz auf der Eins des Rhythmuszyklus verharrt. Das Ende von Nritta müsste das Ende der Welt sein. Was kann nach solcher Energie noch kommen? Der größtmögliche Kontrast: ‚Constellation‘ von Star-Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui. Eine ätherisch-schwerelose Meditation im poetischen Spiel mit Licht und Schatten, Bewegung und Raum. Ich bin sprachlos vor Glück. Aakash Odedra ist mein Festival-Highlight. Allein um ihn in diesen beiden Stücken tanzen zu sehen, hat sich die Reise nach Hamburg gelohnt.

Auf dem Weg vom Kleinen zum Großen Saal zum Abschlusskonzert von Anoushka Shankar eine Überraschung: Da steht eine unscheinbare junge Frau am Rand der Zwischenebene, tippt entspannt auf einem kleinen Gerät mit bunten Tasten herum, und produziert damit so unwahrscheinlich coole und groovige Beats, dass ich gar nicht anders kann als mitzuschwingen. Das ist Gnarly, die Finger-Drummerin, mit Maschine+ von der Berliner Firma Native Instruments. Neben ihr eine großgewachsene junge Frau an einem imposanten Pult, die zu den Beats englischsprachige Gedichte über indische Göttinnen deklamiert, mit denen sie Kraft und Selbstbewusstsein der Weiblichkeit feiert. Das ist die Lyrikerin Nikita Gill, die u.a. den Text zu Anoushka Shankars Stück Sister Suzannah geschrieben hat. Und während die beiden eine begeisternde Performance hinlegen, strömen die Menschen an ihnen vorbei die Treppe hinauf. Falls doch mal jemand stehen bleibt und hinschaut und zuhört, eilt ein beflissener Ordner herbei und scheucht einen weiter, damit nicht womöglich die coronamäßig vorgeschriebenen Mindestabstände unterlaufen werden. Wie absurd. Ich finde schließlich einen Platz an der Wand, wo ich stehen, hören und sehen darf und genieße jede verbleibende Minute von Gnarly und Nikita Gill. Am Ende muss ich mich sputen, um rechtzeitig bei Anoushka Shankar zu sein.

Anoushka Shankar credit Anushka Menon

Im beeindruckenden Großen Saal der Elphi spielt Anoushka Shankar mit den Sängerinnen Alev Lenz und Nicki Wells, Nina Harris am Kontrabass, Danny Keane an Cello und Klavier und Pirashanna Thevarajah mit südindischer Percussion. Im Zentrum stehen Stücke aus dem aktuellen Album Love Letters, das Anoushka Shankar zusammen mit Alev Lenz geschrieben hat. In Songstrukturen mit sparsamen Arrangements werden darin sehr persönliche Erfahrungen von Schmerz und Verlust, aber auch von Hoffnung und schließlich Heilung durch weibliche Energie erzählt. Ergänzt wird das Programm durch ältere Stücke, vor allem aus dem Vorgängeralbum Land of Gold, in denen instrumentale Virtuosität und mitreißende Dynamik der Band mehr zur Geltung kommen. Gut eingespielt, souverän und spielfreudig ist diese Band; charismatisch und charmant ist die Bandleaderin; abwechslungsreich und klug aufgebaut ist das Programm. Das Publikum ist begeistert und dankt mit großem Applaus. Anoushka Shankar wiederum dankt mit freudig herzlichen Worten für das gesamte Festival. Ich freue mich mit, bin aber selbst nur wenig berührt. Fehlte der Reiz des Neuen, weil ich die meisten Stücke schon kannte? War mein Begeisterungspotenzial für diesen Tag schon vorher aufgezehrt?

Reflektor Anoushka Shankar war ein mutiges Festival. Programmatisch war es jünger, weiblicher, westlicher, urbaner, vielfältiger und moderner als jedes andere Festival indischer Musik, das ich in den vergangenen 35 Jahren mitbekommen habe. Durch die Konzentration auf die Elbphilharmonie als einzigen Spielort, durch die Personalunion von Anoushkar Shankar als Kuratorin und Performerin, die wohl alle beteiligten Künstler*innen durch ihre persönlichen Beziehungen miteinander verband, und vielleicht auch durch die liebevolle indische Deko, entstand zudem eine besonders dichte, wertschätzende und warme Atmosphäre. Gerade in Zeiten von Pandemie, gesellschaftlicher Spaltung und Lähmung des kulturellen Lebens war das besonders kostbar.

War Reflektor Anoushka Shankar richtungweisend für die Entwicklung indischer Musik im 21. Jahrhundert? Auch beim jährlich stattfindenden Londoner Darbar Festival gab es in den letzten Jahren einen Trend zu mehr Frauen auf der Bühne. In Indien scheint die männliche Dominanz in der Musikszene dagegen noch sehr ausgeprägt. Sehen wir hier eine Emanzipierung der Diaspora vom Mutterland? Geht indische Musik in Nordamerika und Europa langsam andere Wege als in Indien, geprägt von einflussreichen Diskursen über Geschlechtergerechtigkeit und Diversität? Hält sie an Raga und Tala als Gundkonzepten fest und bewahrt so eine greifbare indische Identität? Verliert sie sich in einem globalen Allerlei, wo alles kann und nichts muss? Und wie entwickelt sich die Szene in Indien weiter? Die Welt ist in Bewegung – und die indische Musik mit ihr.

Website Reflektor Anoushka Shankar mit weiteren Links zu Texten und Videos.
Programmheft Reflektor Anoushka Shankar.


4. Musik-Dokus online: Raga, Strings of Melody, That Which Colors The Mind, Dhrupad
- Filmtipps von Yogendra -


Pandemiebedingte Restriktionen halten das Kulturleben in permanentem Würgegriff. Und die kalte dunkle Jahreszeit lädt nur selten zu Aktivitäten im Freien. Mehr als sonst ist der Bildschirm für viele Menschen nicht nur Arbeitsmedium sondern auch Freizeitbeschäftigung. Eine gute Zeit, großartige historische Dokus zu klassischer (nord)indischer Musik (wieder) zu entdecken! Hier ein paar Tipps.

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Ravi Shankar

Raga – A Film Journey to the Soul of India

Als der Film 1971 in den USA die Kinos kam, stand Sitarist Ravi Shankar im Zenit seines Ruhms. Er war ein Weltstar, hatte beim legendären Woodstock Festival gespielt, und wurde von der rebellierenden Flower-Power-Jugend ebenso verehrt wie von Jazzgrößen (John Coltrane), Klassikvirtuosen (Yehudi Menuhin) und Popstars (George Harrison), mit denen er gearbeitet hatte und befreundet war. Wie schon schon in seinem autobiografischen Buch My Music, My Life von 1968 distanziert sich Ravi Shankar auch in Raga von der oberflächlichen Vereinnahmung indischer Musik durch kiffende Hippies und dem Hype um seine Person. Stattdessen betont er die spirituellen Wurzeln und die künstlerische Komplexität der Ragamusik. Das macht den Film auch heute noch zu einer gelungenen Einführung in die indische Musik, zu einem atmosphärisch dichten Zeitdokument der Begegnung indischer und westlicher Kultur Ende der 1960er Jahre, und schließlich auch zu einem sehr persönlichen Einblick in Ravi Shankars Leben und Denken.

Raga – A Film Journey to the Soul of India.


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Strings of Melody - Ustad Ali Akbar Khan

Ali Akbar KhanAls Sohn des legendären Allauddin Khan durchlief Ali Akbar Khan zusammen mit seiner Schwester Annapurna und seinem späteren Schwager Ravi Shankar in den 1930er und 40er Jahren die strenge Ausbildung seines Vaters, war dann Hofmusiker beim Maharaja von Jodhpur und machte sich nach der indischen Unabhängigkeit schnell landesweit einen Namen. Auf seiner ersten USA-Tour 1955 pries ihn der einladende Yehudi Menuhin als größten Musiker der Welt und verglich ihn mit Johann Sebastian Bach. Nach Erfolgen mit Filmmusiken, Konzerten und einer eigenen Musikschule in Kolkata ließ sich Ali Akbar 1967 in Kalifornien nieder und widmete sich dort in seinem Ali Akbar College of Music vor allem dem Unterrichten. Neben seinem eloquenteren Gurubhai Ravi Shankar war Ali Akbar Khan wohl der wichtigste Wegbereiter klassischer indischer Musik im Westen, als Performer wie als Lehrer. Die indische Doku Strings of Melody von 2011 ist eine vielstimmige posthume Hommage an diese herausragende Gestalt der jüngeren Musikgeschichte.

Strings of Melody - Ustad Ali Akbar Khan.


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That Which Colors The Mind – The Life and Music of Nikhil Banerjee

Nikhil Banerjee

Nikhil Banerjee war in meinen Augen der künstlerisch bedeutendste Sitarist des 20. Jahrhunderts. In seinem Spiel schuf er eine vollendete Verbindung von Elementen, die andere vor ihm entwickelt hatten. Majestätische Strenge des Dhrupad-Alap, virtuose Khyal-Tanas, Thumri-Romantik, der gesangliche Gayaki-Ang eines Vilayat Khan, die meditative Tiefe eines Ali Akbar Khan, komplexe Rhythmuspattern des Tantrakari-Ang, die große Form der Maihar-Gharana – getragen und beseelt von tiefer Spiritualität und einem brillanten Geist fand all das in Nikhil Banerjees Musik zu einer einzigartig harmonischen Einheit. Durch seine zurückhaltende Art, seine ausschließliche Beschränkung auf klassische Ragamusik und seinen viel zu frühen Tod blieb seine Bekanntheit aber viel zu sehr auf Insiderkreise beschränkt. Der Film erzählt Nikhil Banerjees Leben und würdigt seinen Genius mit Archivmaterial und Stimmen von Weggefährten, Schülern, Zeitzeugen und Nachgeborenen. Er ist das unvollendete Werk von Dokumentarfilmer Steven Baigel und war bis vor kurzem nur in Teilen zugänglich. Eine wunderbare Gelegenheit, Nikhil Banerjee neu zu entdecken.

That Which Colors The Mind – The Life and Music of Nikhil Banerjee.


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Dhrupad

Dhrupad

Die Musikerfamilie Dagar kultiviert den klassisch indischen Musikstil Dhrupad seit 20 Generationen. Vom 16. bis 18. Jahrhundert dominierte Dhrupad das Musikleben in Nordindien, wurde aber im 19. Jahrhundert vom Khyal-Stil verdrängt und drohte im 20. Jahrhundert auszusterben. Auch dank der Dagars erlebt Dhrupad aber seit den 1960er Jahren wieder eine kleine Renaissance. Der 1982 veröffentlichte Film von Regisseur Mani Kaul gibt sich ebenso wortkarg wie sein Titel. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel von Zia Mohiuddin Dagar auf der Rudra-Vina mit dem Gesang seines Bruders Zia Fariduddin Dagar, puristisch gefilmt in verlassenen Palästen vor weiten, leeren Landschaften in Jaipur und Fatehpur Sikri. Der Film ist einerseits eine faszinierende, langsame, elegische Reise in eine scheinbar versunkene Welt. Andererseits gibt er auch kurze Einblicke in die Tradierung und in historische und formale Fragen und zeigt Dhrupad so als nach wie vor lebendige Kunstform.

Dhrupad.


5. Kurz notiert: Laughing Buddha, Netzwerk Konnakol, Interviews
- Szene Info -


ShubhankarLaughing Buddha – Tablavirtouse Subhankar Banerjee verstorben

Wenige Tage nach seinem 55. Geburtstag ist am 25.8. in Kolkata der große Tablavirtuose Subhankar Banerjee verstorben. Trotz vollständiger Impfung war er im Juni an Covid-19 erkrankt. Anfang Juli wurde er mit Lungenversagen in eine Spezialklinik eingeliefert und künstlich beatmet. Nach wochenlanger intensivmedizinischer Behandlung ist er schließlich an Post-Covid Komplikationen und Nierenversagen gestorben. Subhankar spielte mit vielen Größen der klassischen nordindischen Musik – von Altmeistern wie Ravi Shankar, Birju Maharaj, Hariprasad Chaurasia, Shivkumar Sharma und Amjad Ali Khan bis zu heutigen Stars wie Rashid Khan, Tejendra Naryan Majumdar, Ronu Majumdar, Kushal Das, Niladri Kumar und Purbayan Chatterjee. Außerdem komponierte und sang er und gab Solokonzerte. Tabla lernte Subhankar als Kind zunächst bei Manik Das von der Benaras Gharana und später bei Swapan Shiva von der Farukhabad Gharana. Seinen Weg an die Spitze und zu seinem eigenen Stil fand er ohne prominente Unterstützung, allein durch Fleiß, Talent und Forschergeist. Sein ansteckend heiteres Gemüt brachte ihm den Spitznamen Laughing Buddha ein. Einfühlungsvermögen, Vielseitigkeit und Kreativität machten ihn bei Musikerkollegen wie Publikum gleichermaßen beliebt. Als junger Nachwuchsmusiker war er in den 1990er Jahren auf ausgedehnten Touren auch in Mitteleuropa unterwegs. Subhankar Banerjee wird als einer der bedeutendsten Tablameister seiner Generation in Erinnerung bleiben.

Tablasolo Subhankar Banerjee.


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Konnakol

Netzwerk Konnakol – Forschung und Lehre zu südindischer Rhythmik

Seit 2018 unterrichtet und erforscht ein wachsendes Team aus südindischen und deutschen Künstlern fortgeschrittene Techniken des Zählens musikalischer Zeitstrukturen ('Konnakol' / 'carnatic rhythm'). Unter anderem hat das Netzwerk Konnakol ein Kursmodulsystem entwickelt, das auf Bedürfnisse westlicher Musiker, Komponisten, Dirigenten, Tänzer und Musikpädagogen eingeht. Es macht sowohl Angebote für Studierende und Profis als auch Schritt-für-Schritt-Kurse für Anfänger. Im "karnatischen Modul" kann auch der traditionelle Gebrauch von Strukturen erlernt werden. Außerdem beschäftigt sich das Netzwerk Konnakol mit Zeitrelationen zwischen Körper, Geist und Software. Und für März 2022 ist ein Symposium in Essen geplant.

Website Netzwerk Konnakol.


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Interviews mit Yogendra – Lebensgeschichte und Hintergründe

YogendraGleich zweimal wurde Yogendra, Sitarist und Gründer von India Instruments, im letzten Herbst zu längeren Interviews eingeladen. Beide male ging es zunächst darum, wie ein deutscher Teenager in den 1980er Jahren die Sitar für sich entdeckt hat. Im englisch geführten Gespräch mit Tablaspieler Nitin Kashkedikar vom Verein Brawo Marathi Mandal ging es dann weiter um das Lernen und Üben klassischer indischer Musik und den sehr persönlichen Lebensweg als konzertierender Sitarist. Im Interview mit Yogalehrerin und Vastu-Bloggerin Elisabeth Hastrup-Kiil ging es dagegen allgemeiner um ein Verständnis klassischer indischer Musik und um aktuelle Entwicklungen bis hin zur kritischen Einschätzung der heute digital geformten und allgegenwärtigen Produkte der Musikindustrie.

Indische klassische Musik – musikalische DNA mit einem eigenen Wesen. Interview von Elisabeth Hastrup-Kiil.
Sitariya Yogendra Eckert. Interview von Nitin Ajay Kashkedikar.


6. Wie geht eigentlich (indische) Musik? (27) – Tonalität und Symmetrie als Naturprinzipien
- Zitat von Leonard Bernstein -


In der Reihe „Wie geht eigentlich (indische) Musik?“ bringen wir seit Frühjahr 2016 assoziative, prägnante Anregungen von Künstlern und Intellektuellen.

Leonard Bernstein by Jack MitchellIch glaube, dass aus der Erde eine musikalische Poesie hervorgeht, die aufgrund der Natur ihrer Quellen tonal ist. Ich glaube, dass diese Quellen eine Phonologie der Musik hervorbringen, die sich aus dem Universellen entwickelt, das als Obertonreihe bekannt ist. Und dass es eine wirklich universelle Syntax gibt, die durch Symmetrie und Wiederholung kodifiziert und strukturiert werden kann. [...] Ich glaube, dass unsere tiefsten affektiven Reaktionen auf diese besondere Sprache angeboren sind, was aber zusätzliche konditionierte oder erlernte Reaktionen nicht ausschließt.

Leonard Bernstein (1918 - 1990) war ein US-amerikanischer Komponist, Dirigent, Pianist und Musikvermittler. Sein erfolgreichstes Werk war das Musical West Side Story. Zitat aus: The unanswered question. Six talks at Harvard. Harvard University Press, Cambridge MA, 1976, p. 424


7. Konzerte & Workshops – Aussichten für 2022
- Szene-Info -


Trotz allgemeiner Verfügbarkeit von Impfstoffen und immer besseren Behandlungsmöglichkeiten hält die Corona Pandemie Europa weiter in Atem. Erneut ist das öffentliche Leben an vielen Stellen auf vielfältige Weise eingeschränkt. Und niemand weiß, wie es weitergehen wird. Das kulturelle Leben ist von Planungsunsicherheit, Einschränkungen und Verboten besonders hart betroffen. Konzerte und Workshops müssen abgesagt werden. Und eine verlässliche Planung neuer Angebote ist bis auf weiteres unmöglich. Wir haben deshalb unsere Konzert- und Workshopkalender in den letzten drei Monaten nicht mehr aktualisiert. Sie zeigen jetzt lediglich den Stand einiger längerfristiger Planungen für 2022. Hoffen wir, dass die anvisierten Tourneen, Konzerte und Workshops tatsächlich stattfinden können! Wenn es wieder verlässlichere Perspektiven gibt, werden wir die Kalender auch wieder regelmäßig aktualisieren

Ausführlichere Infos, Orte und Zeiten in unserem Konzertkalender und unserem Workshopseite.

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